Aber heute ist sie nicht mehr so

Guten Morgen, ihr Lieben 🙂

Ich hab nicht mehr viel Zeit heute zum Schreiben.
In 2 Stunden will ich los.

Gestern, als ich mit meiner Tochter per Chat zu vereinbaren versuchte, wie, wo und wann wir uns treffen,
klingelte plötzlich das Telefon.
Es war ihr lieber, auf dem Heimweg von der Arbeit zu telefonieren, als ewiglich zu tippen und womöglich nicht mehr auf den Weg zu gucken.

Wir redeten lang und viel.
Über früher.
Drauf kamen wir auch, weil sie erzählte von dem Forschungs-Dingens, wo sie gewesen war.

Und wie gut es doch gewesen war
wie auffällig für sie selbst
wie glücklich es sie machte,
dass sie doch fast jeden Satz
jede Antwort auf Fragen nach Gewalt oder Erlebnisse von früher
schließen konnte mit der Betonung:

„Aber heute ist sie nicht mehr so.“

Was ist in all den Jahren doch geschehen.
Wie viel hat sich doch verändert.
Ist geheilt, besser, schöner und liebevoller geworden.
Näher.

Wir sind uns einig.
Tatsächlich.
Darüber, dass Täter niemals aufhören.
Und dass ich niemals ein echter Täter gewesen war.
Sie hat niemals vergessen
wie sehr sie gefühlt hatte
wie unsagbar ich über mich selbst erschrocken gewesen war
wie sehr ich bedauerte und bereute
wie sehr ich selbst litt
als ich sie damals so sehr verprügelt hatte.

Und, dass ich es NIE, NIE, NIE wieder getan hab.

Ich bin sehr dankbar.
Ich bin glücklich, froh und irgendwie weich und warm.
Weil ich eine derart wundervolle Tochter habe.

Gestern dachte ich; fühlte ich
ICH BIN STOLZ AUF SIE.
Sie ist wunderbar.

Aber ich bin nicht stolz, weil ich sie geboren habe
oder weil sie (vielleicht) ist, wie ich.
Oder, weil ich irgendwas geschafft habe, dass sie ist, wie sie ist.

Ich bin einfach stolz, weil SIE IST, WIE SIE IST.

Egal, wie, wodurch und warum.

Und ich bin froh.
Ich habe großes Glück
dass sie mich SEHEN kann; WILL.
Heute und so, wie ich bin.
Auch all den Schmerz.
Mein Leben.
Beides.
Mein Versagen UND mein Gutes.

Erst vor kurzer Zeit hatte ich auch mal geschrieben, dass meine Mama schwach gewesen war.

Ich hab darüber nachgedacht.
Und ich glaube inzwischen, dass das nicht stimmt.

Sie hat alles gegeben, das sie hatte und konnte.
Und egal, wie oft sie versucht hatte, zu sterben – sie lebte doch weiter.
Sie hat durchgehalten, bis 72.
Und sie hatte sehr oft Hilfe gesucht – sie nur nie bekommen.
Nicht so, wie sie sie gebraucht hätte.

So ähnlich, wie es auch mir lange ging.

Inzwischen verstehe ich, dass es nicht reicht,
einfach „IRGENDEINE Therapie“ zu haben.
Sie hätte die RICHTIGE gebraucht.

Aber die gab es nicht, in den 80gern.

Vermutlich hätte auch ich irgendwann abgeschaltet und zu gemacht.
Dissoziiert und mich weg geträumt.
Ohnmacht.

Ich dachte auch gestern, dass starke Mütter vielleicht auch noch stärkere Töchter bekommen.
Nicht immer, aber vielleicht eher.

Und die Kette von meiner Mama zu mir, zu meiner Tochter, wird immer stärker.
Je mehr Liebe hinzu kommt, desto unzerstörbarer wird der Kern.
So traurig und schmerzhaft diese „Vererbung“ von Gewalt auch sein mag –
umso stärker werden wir.

Früher glaubte ich, es sei gut, dass meine Tochter keine Kinder will.
Aber vielleicht wäre es ihre Tochter, die der Gewalt entkommt.
Die den Kreislauf zerbricht.

Ein starkes Mädchen.
Noch stärker, als wir zusammen.

Ich wollte nur schnell hier lassen, dass ich die Liebe gerade sehr fühlen kann.
Und dass es wundervoll ist, solche Zusammenhänge zu sehen.
Verbindung zu schaffen.
Ein Band von Liebe zu knüpfen und Vergebung.

Zumindest, bei meiner Mama; von der Tochter zur Mutter.
Oder anders herum.
Zumindest, bei solchen Zusammenhängen.
Schwäche anzuerkennen und doch zu lieben.

Das würde mir allerdings bei meinen wahren Tätern nur schwer gelingen.

Euch einen wundervollen, sonnigen Tag.
Und alles Liebe ❤


Gebloggt am 27.05.2019

Immer wieder sich-selbst-finden

6 Kommentare zu “Aber heute ist sie nicht mehr so

  1. Ich finde es so schön, dass sich das mit eurem Kontakt gerade so entwickelt. Ich lese und folge euch ja schon länger und weiß, wie schmerzhaft sie vermisst wurde. Es ist so toll, dass ihr nun offen sprechen könnt. Macht mich auch ein wenig emotional, weil ich mich einerseits darüber freue und weil ich mir dies auch wünschen würde. Dieses aufeinander zugehen. Meine Mama ist leider nicht so reflektiert. Oder warmherzig…

    Ganz ganz gaaaanz liebe Grüße 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Ja.
      Ich kenn das ja auch als Tochter.
      Mit meiner Mama ging das auch nicht und nun ist sie tot.
      Das ist sehr traurig.

      Ich sehe halt bei meiner Tochter, wie gut es ihr tut, dass ich *selbst* anfange, Fehler einzuräumen. Auch große.
      Dass ich ihr Last und Verantwortung von den Schultern nehme und sie zu *mir* ziehe.
      Sie war ein Kind. Sie hat lediglich auf *mich* und all die Umstände reagiert.

      Früher hab ich sie immer als Täter gefühlt.
      Nicht kapiert, dass ich fühle, wie DIE früher mit *mir* fühlten.
      Immer war ICH Schuld. Falsch, kaputt oder irgendwas ZU (laut, lästig, fordernd, …)

      Ich glaub, auch das ist re-inszenierung.

      Das lichtet sich langsam alles. Und wir können es zusammen er- und auf-klären.
      Das tut so unendlich gut. (und weh zugleich)
      Und ich bin so glücklich, dass wenigstens ich meiner Tochter schenken kann, was so viele Mütter ihren Kindern eben nicht können.

      Also tue ich es auch.
      Und verschenke nicht diese Chance.
      Danke ❤
      Liebe Grüße auch an Euch

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Nicht *meine* Angst – Neues für Altes

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