Wieder einmal fällt mir auf

wie unsagbar oft und stark mir ein Gefühl für „Normal“ fehlt.

Als ich meine Tochter damals zur Welt gebracht hatte, fing das an, dass es mir auffiel.
Ich fragte andere Menschen sehr oft nach jenem, das sie für normal hielten.
Und immer wieder bekam ich die gleiche Antwort:

Was interessiert dich das Normal der anderen? Leb doch dein eigenes Normal.“
– eine wirklich befriedigende Antwort auf meine Frage bekam ich nie.

Und oft fragte ich mich, ob andere sich wohl schämen für ihr Normal, wenn sie es nie sagen wollen?
Oder wissen sie selbst nicht, was normal ist?
Oder war ich ihnen die Mühe nicht Wert?

Meist glaubte ich an Letzteres.
Weil Wert war ich mir ja selbst nichts.

Und so ruderte ich weiter fast ertrinkend in jener dreckigen Suppe herum, die mein Normal gewesen war.
Und fand einfach, so sehr ich mich auch anstrengte, kein klares Gewässer.

Wenn man ein Trauma hat und in Wahrheit nur Scheiße kennt
wenn man sein ganzes Leben lang nur Dinge erlebt hat, die man keinesfalls weitergeben möchte
wenn man nur weiß, was NICHT normal ist – aber nicht, was es wäre
wenn man nur Schmerz kennt – aber keine Ahnung hat, wie Liebe geht
und man unaufhörlich auf der Suche nach jenen Dingen oder Werten ist, welche helfen könnten, das Elend zu lindern
dann fragt man.

Fragt, nach einem Normal.

Ich wollte niemals 1:1 das selbe tun, was andere tun.
Aber ich suchte Orientierung.
Ich wollte wissen, wie weit mein Eigenes vom Normal entfernt ist.
Wollte wissen, was ich tun, bzw. wohin ich mich bewegen muß, um weg zu kommen vom Dreck.

Aber niemals durfte ich wissen, was normal bedeutet.

Mein eigenes Normal schien zumindest für andere etwas zu sein, das sie erst garnicht wissen wollten.
Und ihres wollten sie nicht sagen.

Eben beim Rauchen fiel mir das wieder ein.
Weil eigentlich ist es in vielem doch noch immer so.

Das, was im Moment mit meiner Tochter abläuft; die Trennung des „Uns“, die wohl bereits längst hätte passieren können oder sollen
ist auch so ein Normal, das vielleicht nicht normal ist.

Auch mit meiner Mutter hatte ich solch ein unnormales Normal.

Woher soll ich wissen, was andere Mütter mit ihren Kindern tun?
Wann?
Wie?
Auf welche Art?
Welche Probleme oder Themen haben sie?
Haben sie später noch Kontakt? Wie oft?
Was ist „gesund“ – und was eher „krank“?
Wenig heilsam?

Ich lebe derart isoliert, dass ich niemanden zum Reden habe.
Oder nur Frauen im Umfeld, welche ganz offensichtlich selbst einen gewaltigen Schaden haben.
Woran soll man sich orientieren?

Als mein Mann mir sagte, dass ich werden könnte wie seine Mutter, wenn ich den Absprung nicht nun mal angefangen hätte… – das hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm.
Weil nein… ich bin insgesamt doch weit davon entfernt, so zu sein wie seine Mutter….
Aber wenn ich ehrlich bin…. und mal anders hinsehe….. fühle….

Wann ist ein Kind loszulassen?
Außerdem hätte ich geglaubt, ich habe das längst.
Schließlich habe ich sie mit 18 heftigst auf die Straße gesetzt und wir hatten länger kaum überhaupt Kontakt.
Und auch jetzt hatten wir nur selten realen Kontakt.
Gesehen hatten wir uns vielleicht 2-3 mal im Jahr.

Und doch…. jeden Tag auf ihrem fb-Profil
Mindestens 3x die Woche gechattet.
So 2-3 mal im Monat rief sie an.
Und immer ging es letztlich darum, dass sie Bestätigung suchte.
Absolution, Lob und Komplimente wollte.
Bewunderung.

Aber nein, ich finde es nicht gut, wenn sie die Afd mag.
Und nein, ich finde auch manches andere nicht gut.
Und ich wollte nicht lügen.
Und Nixsagen ist für sie auch gleich Scheiße.
Weil dann lobe ich ja nicht.
Und sie denkt sich dann irgendwelche Abwertungen selbst.

Sie fragt mich so viel.
Und will doch keine ehrliche Antwort hören.

Na, mal gucken, was passiert.
Ob ich irgendwann Ruhe in Kopf und Herz bekomme.
Ob ich entspannen kann.
Im Moment fühlt es sich an wie Entzug.
So, als müsse ich suchen – aber da ist nix.
Und das zeigt mir doch, wie sehr ich um sie gekreist haben muß. Fast ohne es zu merken.

Jetzt merke ich es.
Und wenn eine Mail kommt, hoffe und fürchte ich zugleich, dass sie von ihr ist.
Ich weiß nicht, was ich lieber hätte.

Ich sehne mich nach Menschen.
Nach Kommunikation, Berührung (in Geist und Seele), nach Austausch und Wachstum.
Stattdessen sitze ich hier einsam – Tag für Tag.

Und nun?
Ist sogar meine Tochter weg.
Noch einsamer….. ich.
Sie nicht. Sie hat Freunde.

Bald ist der 2. Kurs bei der VHS wo ich hin wollte.
Gut – es sind eigentlich nur einmalig 2,5 Stunden.
Aber immerhin.

Dieses Mal nix mit Bewegung, sondern für das Gefühl.
Vielleicht muß ich dieses Mal auch nicht davon laufen.

Und dann träume ich wieder herum, dass alles anders wäre, wenn wir einen Hund hätten.
Und dann denke ich wieder, es ist scheiße, ihn dafür nur zu benutzen.
Es muß doch zu schaffen sein, dass ich Freunde finde.
ICH – nicht der Hund.

Mein Friseur hat heute gesagt, dass es ihm auch so geht – da sind so viele ungeheilte, blinde Menschen draußen.
So viele in Mechanismen verfangen; voll Wut, Bitterkeit, Neid und sonstwas.
Aber entwicklungsfähige; -WILLIGE Menschen gibt es nicht so viele.
Die muß man erst mal finden….

Mal gucken.
Vielleicht schaff ich es ja irgendwann….

Euch alles Liebe ❤

7 Kommentare zu “Wieder einmal fällt mir auf

  1. Wir denken oft über „normal“ nach in letzter Zeit. Ich dachte, ich wäre normal. So wie alle anderen.
    Anscheinend bin ichs wohl doch nicht so ganz.
    Oder bin ichs, und nur der Rest in mir nicht, der im Innen ist, damit ich im Außen normal sein konnte, angepasst und so?
    Wirklich schwer.
    Und was ist normal?
    Eine Freundin sagt immer normal im Sinne von äußerst häufig vorkommend.
    Aber ist normal deshalb gleich was gutes?
    Im Krieg ist es normal, Menschen zu töten.
    Aber niemand würde behaupten, dass man daraus schließen kann, dass Menschen töten etwas Gutes ist…
    Warum also will man unbedingt normal sein? Ehrlich gesagt, finden wir normal ziemlich langweilig…
    Und trotzdem meint man, man müsste da mit machen. Egal ob es einem gefällt. Oder auch nicht.
    Ich vermute mal, das kommt daher, weil man dazugehören möchte. Früher mal war es überlebenswichtig, nicht alleine zu sein.
    Und vielleicht steckt uns das immer noch in den Knochen?
    Lieber grau sein wie alle, dafür aber dazugehören, anstelle von bunt und allein?
    Manchmal ist es schwer, einfach nur man selbst zu sein, authentisch, wie es viele Ratgeber immer als so schön darstellen.
    Manchmal hab ich das Gefühl, authentisch sein ja, aber nur, wenn man so ist wie die anderen um einen herum.
    Ist man es nicht…
    Na ja…
    Bin ich zu pessimistisch grade?
    Liebe Grüße B

    Gefällt 2 Personen

    • Ich mag ja nur WISSEN, was normal ist – damit ich mich orientieren und davon ein bißchen (oder auch weiter) entfernt sein darf.
      Aber zumindest mag ich es WISSEN.

      Und nein, Normal ist sicher nicht immer = gut.
      Oder = wünschenswert.
      Es braucht Menschen, die „anders“ sind auch schon allein deshalb, um diese „Normalen“ zu hinterfragen; zu provozieren oder zu Veränderungen und Wachstum anzuregen.
      Anders = gut; vermutlich.

      Aber die sollten ja mitkommen können; kapieren; begreifen. Und einen nicht gleich derart exotisch finden, dass sie drauf schlagen oder einen für ein Monster halten. Sie sollten sich noch annähern können; verstehen; begreifen.
      Ich glaube, DAS wäre mein Wunsch.

      Anders sein, aber nicht so anders, dass Nähe unmöglich wird.

      Und pessimistisch?
      Das bin ich dann wohl auch.
      Wenn ich mich hier in unserem Ort umsehe, dann kann ich nur traurig abwinken. Da ist Hopfen und Malz verloren; nur schrecklicher Einheitsbrei in Dunkelgrau.
      Die mögen kein „Anders“ – die wollen nur „Ihresgleichen“.

      Ich bin auch sehr traurig zur Zeit. Aber das ist ja bei mir immer so um diese Monate herum. So viel innerer Tod und Abschied. Aber es wird gewiß wieder besser.
      Nächstes Jahr.
      Alles Liebe Euch und einen schönen Tag 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Das mit dem Hund, uns tut es gut. Und ausnutzen ist das echt nicht. Ein Hund aus dem Tierheim oder so Rettung Station, der wäre ja dankbar… und es tut gut, das streicheln und sein fühlen, seine Freude und die Verantwortung für ihn…
    Wir finden die Idee super, wenn man die Zeit hat und die Liebe zum Tier. Kann auch Katze, wenn man sich nicht viel bewegen mag…
    Oxitozin ist toll (das Liebeshormon, das sowohl das Tier als auch der Besitzer geschenkt bekommt in so ner Mensch- Hund Beziehung. Kein Vergleich zu Mensch Beziehung. Eine hier sagt, unser Hund ist das einzig schöne was sie hat und das beste. Und mein Mann ist glatt eifersüchtig… aber er ist nun mal ein Mann, und das kann man eben nicht von der Hand weisen!)
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Zu Hause? Wurzeln? – Missbrauch, Folgen und der Weg

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