Gedanken – noch immer „Helfer“ und auch Gefühle

Guten Morgen, ihr Lieben 🙂

Es ist noch keine 12 und ich habe heute schon fast alles fertig.
War schon einkaufen und so gesehen, geht es mir und uns gut.
Sicher – mein Mann wußte heute nicht, ob er wütend werden soll, oder einfach mit mir gemeinsam drüber lachen.

Ich bin maulig, nörgelig und völlig fixiert darauf, jeden Mangel wahrzunehmen; alles, das nicht getan wird oder ist
und darauf, was besser wäre.

Garnicht mal nur auf mich selbst bezogen – sondern irgendwie im Blick auf ein Gemeinsam.
Wer tut was, damit die Arbeit verteilt ist nach Fähigkeiten und Zeitaufwand.
Und wie ist das eigentlich mit der Wertschätzung?!

Nein, ich erwarte keineswegs, dass mein Mann mir für jedes Fizzelchen Arbeit, das ich vielleicht ausschließlich IHM zuliebe tue, Danke sagt.
Das tue ich selbst bei ihm ja auch nicht.
Aber ich glaube, ich erwarte von ihm, dass er zumindest die wenigen Dinge, die er zum Teil selbst übernommen hat, dann auch tut.
Und ich wünsche mir, dass er sich – gerne auch innerlich – freut und wertschätzt, dass er im Haushalt so gut wie garnichts zu tun braucht.
So, wie auch ich mich freue und wertschätze, dass er zuverlässig arbeiten geht.

Man fühlt das.
Die Liebe und Wertschätzung.
Wobei ich manchmal nicht sicher bin, ob auch er das fühlen kann.
Weil er mich manches Mal ansieht, als wünsche ich mir von ihm Unmögliches.
Aber man geht liebevoller miteinander um und achtsamer, wenn man wertschätzend fühlt.
Irgendwie wärmer und weicher.

Gestern, der Austausch in den Kommentaren mit Isa (weiter unten), gab mir einiges zum Nachdenken.

Sicher, sie fühlt und spricht aus der Sicht der Helfer.
Sie überträgt die Verantwortung für Teile meiner Anklagen dem System, weil sie sich von mir persönlich angesprochen fühlt.
Und ja, bestimmt…. Punkte wie mangelndes Wissen über die Anträge, Unerfahrenheit mit dem OEG oder Fond sexueller Mißbrauch liegen hauptsächlich in der Verantwortung des Arbeitgebers, bzw. des Trägers solcher Hilfestellen – wenn es auch am Helfer ist, lernen zu wollen.

„Überlastung“ mag auch mit am System liegen einerseits.
Weil es vielleicht zu wenige Helfer gibt.
Zu wenige, die noch dazu ausgebildet sind.

Und auch, weil Hilfsvereine einerseits überall werben und Propaganda machen, wie wundervoll und prächtig sie helfen würden
– doch andererseits die Voraussetzungen hierfür garnicht schaffen.

Sie schüren Hoffnungen auf Hilfe bei den Opfern – und der „kleine Mitarbeiter“ kann dann gucken, was er mit seiner eigenen Unwissenheit und der Verzweiflung des Opfers so anstellt.
Das ist ganz großer Mist!!!!

Dennoch

Es sind am Ende die einzelnen Helfer, die das Opfer belügen.
Der einzelne Helfer, der Blödsinn redet, wenn er verspricht zu helfen – und es in Wahrheit garnicht KANN.
Der einzelne Helfer, der dann irgendwann einfach nicht mehr ans Telefon geht.
Der einzelne Helfer, der Opfern das Gefühl gibt, lästig zu sein; zu viel; zu bedürftig
Der einzelne Helfer, der vielleicht aus lauter nichts wissen dann Fehler macht bei den Anträgen.

– weil er die Fassade wahren will
– zumindest so tun, als ob er sich auskennt

Der einzelne Helfer
verschleppt Termine
läßt sich verleugnen
zeigt sehr deutlich, dass er ein inneres Problem mit dem Opfer hat
bestreitet dies aber und versucht – wie ein Täter – die Gefühle des Opfers als Irrtum zu verdrehen.

Und ein bißchen erinnert mich dieser Dialog an all die Dialoge, die auch Freier oft führen (sorry für den Vergleich; aber der Mechanismus ist der Selbe)

Wenn Freier sich frei reden wollen von ihrer Selbstverantwortung; der Entscheidungsmacht die sie als Freier tragen – und alles auf die Prostituierte abwälzen.
Wenn sie sagen, sie hätte das doch angeboten
Prostitution sei doch erlaubt
Er tue doch nichts Schlimmes
Er hätte doch garnichts gemerkt/merken können
Er sei doch auch nur ein Mann

Isa hofft auf mein Verständnis – aber die Helfer in meinem Leben ermöglichen mir nicht, sie zu verstehen.
Verständnis kann nur der Kommunikation entwachsen – doch sie REDEN nicht.
Und ich komme als Bittsteller und Opfer – nicht als Hellseher oder Seelsorger.

Letztlich haben sich Helfer ihren Beruf GEWÄHLT.
Und die Wahl eines solchen Jobs setzt einfach voraus, dass man Einfühlungsvermögen hat, Geduld, eine gewisse Stressresistenz, Verständnis.
Er setzt voraus, dass man WEISS, dass Opfer verletzlich sind.
Dass sie vor allem BEDÜRFTIG sind.
Auch, dass die Arbeit mit Opfern nicht einfach ist und oft schmerz- und grauenhaft
Dass man sich einlassen kann, zuhören, begreifen und versteht, welche Hilfe dem Opfer wirklich NUTZT.

Wenn ich einen solchen Job wähle, kann ich nicht einfach sagen
„Du, sei mir nicht böse… mir gehts grad SELBST Scheiße. Gib mir doch mal all die Dinge, die ICH jetzt brauche“
Ich kann sowas nicht voraussetzen und nicht fordern.
Nur selten haben Opfer irgendetwas Gutes zu GEBEN – zumindest nicht, wenn sie gerade Hilfe brauchen.

Pathologen sollten sich doch auch nicht beschweren, weil ihre Leichen riechen…..
Zumindest nicht ständig – was will man denn sonst von Leichen erwarten?!

Sicherlich sind auch Helfer Menschen.
Und auch Helfer können Dinge nicht wissen.
Oder einen scheiß Tag haben.
Traurig sein oder wütend.

Aber sie können dennoch nicht während ihres Jobs von Opfern verlangen und gar fordern, ihre Bedürftigkeit zu füllen – hierfür haben sie ein Privatleben, Freunde, wen auch immer.
Sie können allenfalls heute um Verständnis bitten; um Nachsicht; um Menschlichkeit – so, wie dies auch das Opfer tut.

Sie können ehrlich sein.
Wahrhaftig.

Und sie könnten sagen, dass sie etwas nicht wissen – und weiter vermitteln.
Oder sich erkundigen „weiter oben“, ob es irgendwo einen Mitarbeiter gibt, der sich auskennt.
Sie könnten auch sagen „Es tut mir Leid – aber das mit uns paßt menschlich einfach nicht. Ich seh mich um nach einem anderen Kollegen und gebe die Daten weiter“.

Und sie könnten fragen, welche Hilfe man denn braucht? Und möchte?
Ermutigen, statt klein schlagen.
Einbinden, statt drüber weg gehen.
Informieren, statt dumm lassen.

Und nein, das ist kein Problem des Systems.
Das ist eine Entscheidung, die jeder Mensch täglich in sich selbst trifft.
Bin ich bereit, mich ehrlich und aufmerksam auf andere einzulassen?!
– oder bin ich so verschlossen, fest und eng, dass sich der andere gefälligst nach MIR richten muß?!

Ich glaube, am allerbesten und auch meisten lernt man nicht in Seminaren oder von irgendwelchen Lehrern.
Man lernt, wenn man Betroffenen ZUHÖRT.
Man kann unsagbar viele Erfahrungen anderer in sich aufnehmen – und braucht diese nicht mal selbst zu machen.
Man lernt das nur durch Zuhören.

Dadurch, dass man offen ist.

Und nein, ich brauche keinen Helfer, der alles kann, alles weiß und alles kennt.

Ich brauche einen EHRLICHEN Helfer.
Einen Menschen.
Mit Gefühlen und Verstand.
Viele Dinge kann man auch gemeinsam herausfinden; sie sich erarbeiten.
Oder einfach mal versuchen.
wenn man ehrlich miteinander ist, mutig und sich vertrauen kann.

Hierfür brauche ich kein System.
Niemanden, für den ich nur eine abzuarbeitende Sache bin; ein Fall.
Hierfür brauche ich ein Gegenüber, dem ich Wert bin, MIT mir zu arbeiten – nicht AN mir.


Gebloggt am 10.08.2016

Wachstum

Befruchtend

Kann es sein

 

 

6 Kommentare zu “Gedanken – noch immer „Helfer“ und auch Gefühle

  1. Hat dies auf lebendig werden … rebloggt und kommentierte:
    Luise Kakadu benennt in diesem Beitrag in ihrer direkten Art das Problem schonungslos. Und weil es so sehr das Wesen des Hilfssystems trifft, wie sie es beschreibt, teile ich es gerne auf meinem Blog.

    Weil es eben nicht immer nur möglich ist sich auf das System auszureden und weil es nicht sein kann dass die Opfer alles verstehen und verzeihen müssen. Und es kann auch nicht sein, dass die Opfer ein Verbesserung des Systems erkämpfen müssen!!!

    Ich habe immer sehr viel Verständnis, weil es eben nicht anders geht, überhaupt Hilfe zu erhalten, aber es retraumatisiert oft. Auch wenn es sehr wichtig ist die Selbstverantwortung der Opfer einzufordern und zu fördern, aber das passiert oft nicht bzw. nicht so, dass es hilfreich wäre.

    Selbstverständlich ist es ein Problem, dass sich Menschen vielleicht einen Hilfsjob viel romantischer vorstellen als er ist. Tatsache ist auch, dass über Trauma und Hilfe für Traumaopfer einfach viel zu wenig bekannt ist. Dass z.B. PTBS erst in den 1980ern erstmals als Diagnose auftaucht. Andere Bezeichnungen gab es davor wohl, aber alle Forschungen bezogen sich auf Kriegsheimkehrer. Vergewaltigung und Gewalt gegen Kinder in der Familie waren davor zwar auch erkannt, aber nicht anerkannt. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. (Sigmund Freud erkannte das Ausmaß von Gewalt an Frauen, war jedoch so erschüttert, dass er seine Studie umschrieb. Frauen wurden fortan hysterisch genannt.) Es bedeutet, dass die Traumaforschung noch immer fast in den Kinderschuhen steckt.

    Die Opfer können dafür aber nichts und ein ehrlicher Umgang mit ihnen auch über das fehlende Wissen bzw. die Angst der Helfer ist eine Frage des Repekts gegenüber der Hilfe suchenden Person.

    Bevor ich in Berufsunfähigkeitspension ging, arbeitete ich zehn Jahre mit wöchentlich einer Packung Schmerztabletten, weil der psychische Stress so stark war, dass es ohne tägliche massive Kopfschmerzen nicht ging berufstätig zu sein. Einmal rechtfertigte ich mich wegen eines Fehlers mit: „Das habe ich aber nicht gewusst!“ Mein damaliger Chef antwortete mir darauf: „Information ist eine Holschuld!“

    In keinem Beruf in der Privatwirtschaft ist es möglich zu sagen, dass ich etwas nicht wisse und darum die Arbeit schlecht mache oder die Kunden Verständnis dafür haben müssten. Aber Opfer haben eben keine Lobby und sie sind psychisch schwach, besonders wenn sie auf Hilfe dringend angewiesen sind. Und meist haben sie auch keine Angehörigen die in diesem Fall helfend für sie ihre Angelegenheit durchkämpfen. Ich erinnere Gewalt als Kind in der Familie bedeutet, dass die eigenen Eltern Täter sind statt Unterstützung und das zieht sich auch in andere Beziehungen der Opfer.

    So jetzt endlich der Text von Luise Kakadu. Herzlichen Dank, liebe Luise für deine klaren Worte, die mich immer wieder unangenehm aufrütteln. Da liegt soviel Kraft in dir. 🙂 ❤

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Benita 🙂
      Danke DIR für´s Teilen.
      Auch für deine Zustimmung.
      Und für den Satz „Information ist eine Holschuld“ – ich erinnere mich hierdurch…. auch mir hatte man das schon gesagt.
      Ich wünsche dir einen wundervollen Tag ❤

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