Ansturm

Gestern war erstaunlich.
Da ich bereits schon länger mit SurvivorofProstitution in Verbindung stehe und auch oft auf ihrem Blog kommentiere, traf mich gestern ein Ausläufer jener Welle, die ihr Artikel im Spiegel geworfen hatte.

Bereits vorgestern Abend wunderte ich mich über eine gewisse Zunahme von Klicks.
Aber erst gestern überriß ich das Ausmaß, das es auch bei mir bekam – ich hatte über 100 Leser, welche fast 600 Beiträge zumindest überflogen.
Das ist in meinem Blog zumindest sehr viel.
Schade, dass sich hier keiner äußern wollte und alle lieber „anonym“ lasen.

Es ist gut, wenn sich die Menschen mit dem Thema Prostitution auseinander setzen.
Wenn sie nicht nur die Sexarbeiter-Lobby hören; die keine 100 meist Frauen, die unglaublich viel Lärm machen und schreien, wie wundervoll, wichtig und wertvoll Prostitution ist und dass man dieses besondere Gesellschaftsgut niemals verkennen sollte.
Weil es doch so wunderbar und wichtig ist und unsere Gesellschaft so prächtig schützt, stützt und bewahrt.

Aber die andere Seite?
Das Grauen?
Das Leid?
Die unsagbar großen Qualen so vieler Frauen (und Männer), die entweder von anderen Menschen oder unserem … hm…. eher zum Wegsehen tendierendem System – oder auch BEIDEM zugleich – zum Ausharren in der Gewalt gezwungen werden und keine Chance zum Ausstieg haben?
Wer will ihn schon sehen, den Schmerz?!

Bei SurvivorOfProstitution kann man sehr deutlich erkennen, mit welchen „Argumenten“ Freier um sich schlagen, um sich auch weiterhin das umfangreiche Büffet der nackten Körper und der Sexdienste zu bewahren.
Und wie sie sich wehren und weigern, sich selbst zu reflektieren, zu hinterfragen und zumindest einmal ein kleines bißchen zu FÜHLEN.

Nein, fühlen steht nicht im Kurs.
Wer fühlt, kann nicht Freier sein.
Wer fühlt, kann nicht Hure sein.
Fühlen ist der Feind der Prostitution.
Fühlen unterstützt das Sehen.
Und das Sehen schafft Erkennen.
Wer erkennt, stoppt das Leid.

Ja, ich schreibe zur Zeit auch viel im Blog von Sandra (SurvivorofProstitution).
Weil sie nicht alleine ist.
Weil sie Recht hat.
Weil sie die Wahrheit sagt.
Weil sie mutig ist und Dinge beim Namen nennt.
Und ich mich irgendwie MIT in den Wind stellen möchte.
Weil wir mit 4 Beinen stabiler und stärker stehen.

Auch habe ich mein Profilbild geändert.
Weil auch ich nun die ungeschminkte Wahrheit zeige.
Weil ich zeige, was Leid TUT.
Und man nun sehen kann.

Mein vorheriges Bild zeigte meine Augen noch zur Zeit der Prostitution.
Zeigte jenes, das man an mir so mochte und so ausdrucksstark und schön fand.
Es zeigt meine Stärke, meine Wärme und mein Einfühlungsvermögen – zeigt all jenes, das ich gab. GAB, weil ich es mir so sehr auch von anderen erhoffte.

Nun habe ich es ausgetauscht.
Weil auch dieses Bild letztlich nur Fassade war.
Weil es nur die EINE Seite der Medaille zeigt.
Nur jenes, das die Menschen sehen WOLLEN.

Ich habe es ausgetauscht gegen die andere Seite der Medaille.
Gegen die Traurigkeit.
Den Schmerz.
Das Leid.
Das Grauen.
Die Qual.
Und es zeigt die selben Augen – nach meinem Ausstieg.
Die selben Augen, die lernen zu fühlen.
Die selben Augen, die lernen zu sehen.
Ungeschminkt und echt.

Nein, der Weg der Heilung ist klein leichter.
Auch kein schneller oder bequemer.
Und doch ist er der einzig wahre.

Und ich wünschte, all die Freier, Politiker und andere Hurenbefürworter gingen diesen Weg.

Menschen würden aufhören, immer nur den leichtesten Weg zu suchen.
Aufhören, Verantwortung immer an andere abzugeben.
Aufhören daran zu glauben, dass alles das man nicht sieht, auch überhaupt nicht existent ist.

– wie die kleinen Kinder.

Erwachsen wäre es, Probleme zu LÖSEN – statt sich ständig gleich abzuwenden und nach leichteren Wegen zu suchen.
Erwachsen wäre es, an sich selbst zu arbeiten – anstatt andere zu finden, an denen man sein Defizit abficken kann.
Erwachsen wäre es, sich selbst ungeschminkt zu lieben – anstatt meterdicke Fassaden zu spachteln und nicht nur andere, sondern auch sich selbst zu belügen.

Und erwachsen wäre es, Probleme anzuerkennen und zu bearbeiten – anstatt immer so zu tun, als seien andere hierfür zuständig. Auch und gerade beim Staat.

Ja, zu reflektieren tut weh und es macht wohl tatsächlich häßlich.
Das Häßliche in der Seele schafft sich einen Weg nach außen.
Aber… ist Leid und Schmerz tatsächlich „häßlich“?
Oder ist es letztlich nur ein Spiegelbild unserer Gesellschaft?
All jenem, das all die Freier, Kinderficker, Seelenquäler; all die unreflektierten, ungeheilten und kranken Menschen an und in mir hinterlassen haben?

Ist mein Gesicht nicht letztlich ein Abbild dessen, was all die Freier und Wegseher sind?!
Wollt ihr tatsächlich schlecht über mich urteilen?

Und nein, ich habe nicht mal ordentlich einen gesoffen.
Das sind meine Augen, wie sie am Morgen erwachen.
Nach Träumen voller Gewalt, Angst und Schmerz.
Nach unruhigen Nächten voller Begegnungen mit Erinnerungen an Freier, Täter und Wegseher.

Auch wenn ich in meinem Blog vornehmlich über meine Entwicklung und meine Heilung schreibe; meinen aktuellen Weg
und weniger über Politik, Prostitutionsverbote o.ä.
so stehe ich inzwischen dennoch auf der Seite jener, die für das nordische Modell sind.
Für die Bestrafung von Freiern.
Und ich bin sehr froh darüber, dass auch mir mein Weg der Heilung immer mehr die Augen öffnet.
Und auch ich immer klarer sehe und fühle.

Der Weg der Heilung ist kein Honigschlecken.
Und doch wünschte ich, Menschen hätten mehr Mut, ihn anzutreten.
Seht hin!!!!!


Ich wünsche Euch einen klaren Blick und ein großes Herz voller Liebe ❤
Danke, dass Ihr da seid.

7 Kommentare zu “Ansturm

  1. Liebe Luise,
    Ein großer Schritt, das Profilbild zu ändern. Und ein wichtiger, kluger Text. Du weißt, dass mir die politische und gesellschaftliche Komponente von Gewalt an Frauen und Kindern wichtig ist. Herzlichen Dank für deine klaren Worte, für dein ausdrucksstarkes Statement.
    Einen wundervollen Tag dir und alles Liebe. ❤
    "Benita"

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Louise,
    ich bin nicht für Prostitutionsverbote, weder nordisceh, noch amerikanische, denn Prohibition begünstigt nur einen Schwarzmarkt. Deswegen bin ich auch für Drogenfreigabe. Ich befürworte damit weder den Konsum noch das Angebot, sondern meine, dass der Staat sich hier raushalten muss. Denn wer das eine verbietet, kann es morgen auch diktieren. Ich denke zum Beispiel an den Lebensborn der SS oder die Zwangsprostitution der Japaner im Zweiten Weltkrieg.

    Was ich jedoch an der Diskussion seitens Hydra verabscheue, ist das diminuieren der abscheulichen Seite der Prostitution. Ich denke, dass ein Großteil der Stricher und Prostituierten aufgrund von Missbrauch und Misshandlung und damit einhergehender Persönlichkeitsstörungen auf dem Strich gelandet sind. Er ist ebenso eine gesellschaftliche Müllhalde wie ein Obdachlosenasyl. Nur wird er im Gegensatz zu letzterem von Spießern und Künstlern verklärt, bedichtet und besungen. Das ist der verfettete Mittelstand, der dann von Sexarbeiterinnen spricht, weil Hure, Nutte oder Dirne keine politisch korrekten Verschleierungsbegriffe sind.

    Die politischen Prostitutionsbefürworter sind ja auch mehrheitlich im grünen Milieu zu finden, die sich über die Prostituierten einmal mehr selbst mandatierten, was sie ja immer gerne mit Randgruppen tun. Am liebsten hätten sie ja auch die Überlebenden von Kindesmissbrauch dauerhaft unter ihre Fittiche genommen, wenn der Dreck an ihrem Stecken nicht so stinken würde. Im Fall der Prostitution lässt sich auch absehen, wohin derlei freche Selbstmandatierung führt. Da verblasst das massive Leid, das hinter dieser Zwangsarbeit steht, zugunsten dem Bild der Kokotte oder selbstbewussten „Sexarbeiterin“.

    Mit besonderer Abscheu erlebte ich dies in feministisch affinen Künstlerkreisen, wo insbesondere gutsituierte Frauen über kreative Projekte mit „Sexarbeiterinnen“ nachdachten, um sich über die Nähe zum Milieu mit einem Hauch von supertoleranter Avantgarde zu schmücken.

    In meinem letzten Beitrag zum Knabenstrich in meinem Blog ( http://wp.me/p6MOlq-eT ) forderte ich ein Jahr bedingungslose Haft gegenüber Freiern Minderjähriger. Dazu stehe ich nach wie vor, außerdem wäre ich für ein öffentliches Register von Sexualverbrechern, in das eben auch Freier Minderjähriger und Zuhälter eingetragen werden. Ebenso wäre ich für unbedingte Haftstrafen bei Zuhälterei.

    Die sexuelle Ausbeutung psychisch deformierter Menschen muss ein Ende haben. Nur leider habe ich keine Idee, wie dies ohne andererseits entstehendem Schwarzmarkt möglich sein könnte.

    LG Lotosritter

    Gefällt 2 Personen

    • Lieber Lotosritter,
      es geht NICHT um ein Prostitutionsverbot – die Anbieter/innen dürfen sich durchaus weiter prostituieren und sind straffrei.

      Es geht um ein SEXKAUFverbot.
      Es geht darum, umzudenken und zu begreifen, anerkennen und lernen, dass man KEINEN SEX kaufen sollte;
      nicht kaufen sollte, was eigentlich nicht kaufbar sein kann.
      Solange es derart selbstverständlich ist, dass Männer sich kaufen können, ihre Schwänze in Frauen zu stecken, wie auch immer es ihnen beliebt
      und
      hierbei jede Empathie, Mitgefühl, Achtung, Respekt, Wertschätzung, Gleichberechtigung, Achtsamkeit, Menschlichkeit, u.a. alleine durch die Geldübergabe völlig ab-erkannt und versagt werden,
      oder
      durch Sprüche á la „die anderen machen das auch“; „Du bist eine Hure, ich bezahle dich – also MUSST Du tun, was ich will!!!“; „wer sich für diesen Job entscheidet, hat sein Nein an der Türe abgegeben“ ü.ä.

      und
      die meisten Prostituierten hierüber keine echte Entscheidungsmacht haben
      ist dies Mißbrauch und Gewalt.

      Nicht, wie zu viele in unserer Gesellschaft inzwischen überzeugt sind „freiwillige, wertvolle Arbeit“.

      Und ja, es wird Zeit dass Gewalt als Gewalt begriffen wird. Und nicht als selbstverständliches Opfer jener, die ohnehin bereits „unten“ sind.

      Gerade so wie „Dreck tritt sich fest“.

      Und bzgl. der anderen Dinge die Sie anmerken, finden Sie mehr als ausreichend Info und Fakten im Blog von Sandra (oben verlinkt).
      Liebe Grüße, Luise

      Gefällt 4 Personen

  3. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Anonymität allmählich dahinschmilzt. Durch das Internet haben wir heute wieder eine ganz andere Öffentlichkeit. Eine, die eher an die einer (Welt-)Dorfgemenschaft erinnert. Jeder kann sich äußern. Und es können Menschen Gehör finden, die früher zum reinen Zuhören und Ignoriert-Werden verurteilt waren.

    Das bedeutet auch: Bei einer Gesellschaft, in der es verbreitet ist, hinzuschauen und mitzufühlen, in der daher Opfer von Gewalt und Missbrauch konsequent gehört und mögliche Opfer rechtzeitig geschützt werden, greift das Argument nicht mehr: „dann läuft es eben im Verborgenen ab und das ist dann noch viel schlimmer“.

    Was mich an dem Thema am meisten erschreckt sind Berichte wie dieser hier, nach der in den USA 80% der ausgerissenen Mädchen und jungen Frauen binnen 2 Tagen auf einen Menschenhändler treffen, der sie unter Vorspielen von Fürsorge und Empathie in Abhängigkeit von sich bringt: https://youtu.be/wvBkRc-jlN4?t=284

    Das wirft die Frage auf: Was macht der Rest von uns in der Zeit, dass „Loverboys“ (https://mylifeinprostitution.wordpress.com/2017/06/11/liebe-ohne-zwang/) und Menschenhändler so viel effektiver sind beim Anbieten von Schutz, Wohnung und einem offenen Ohr?

    Schön wär’s, wenn mit der gesteigerten Öffentlichkeit allmählich auch mal zu einer gesteigerten Anteilnahme käme: Das hier ist unsere Gesellschaft. Und systematisch in ihr kann nur das passieren, was wir systematisch zulassen und dulden.

    Zeit wird’s, dass unsere Gleichgültigkeit („so schlimm ist das ja alles gar nicht“) an ihr natürliches Ende kommt.

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Mario Barth, Arschlochkinder – und die Frage – Missbrauch, Folgen und der Weg

  5. Pingback: Wachstum – immer weiter – Missbrauch, Folgen und der Weg

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