Blog als Therapie

Gestern war ok…
Ich hing noch bis abends in meinem Dusch-Erlebnis fest – aber es war einfach ein Gefühl; ein Begreifen, Erkennen und Nachspüren.
Mein Kopf weiß, dass das 40 Jahre her ist.

Verstehen, dass diese Gefühle noch immer in mir verbaut sind; includiert; gespeichert.

Ich hatte gestern auch auf facebook einen Artikel entdeckt darüber, dass die Uni in Ulm erforscht hat, dass Gewaltopfer tatsächlich dauerhaft höhere Entzündungswerte im Körper haben.
Das erinnerte mich daran, dass auch meine Hausärztin immer wieder mal nach einer – äußerst seltenen – Blutabnahme zu mir sagt, das müsse man im Auge behalten.
Nur, um es dann wieder für 2 Jahre zu vergessen und bei der nächsten eher zufälligen Untersuchung zu wiederholen.
Es behält keiner im Auge.
Bei Ärzten bist Du nur wichtig, wenn Du da bist.
Ansonsten vergessen.
Und überhaupt – „Menschen sind alle gleich“.
Was soll man sich da besonders kümmern, einlassen und beschäftigen mit dem Gedanken, dass es vielleicht auch sein könnte, dass doch alle verschieden sind.
Das ist in unserem System nicht vorgesehen.

Ich hatte dann gestern tatsächlich doch Blutungen bekommen.
Nach 11 Tagen „ohne“.
Mein Körper scheint ziemlich durcheinander zu sein. Und ich werde nun abwarten, ob es dieses Mal „richtig“ kommt oder wie letztes Mal zu spät; nur „kleines bißchen“ – dafür aber 2 Wochen lang.

Wechseljahre oder Aufarbeitung?
Oder beides zusammen?

Eigenartig, wie leicht und schnell der Körper auf äußere, seelische Zugriffe reagiert.
Mein Sodbrennen; die Magenschmerzen und überhaupt Schmerzen im Bauch sind weg.
Weg, seit dem ich eine Grenze gezogen habe.

Druck.
Ich kann es nicht.

Oft schon hatte ich mit meinem Mann darüber geredet, wie außergewöhnlich ich es finde, dass er so überhaupt keine Erwartungen an mich stellt.
Dass er niemals irgendetwas sagt wie „Die Wäsche müßte auch mal wieder gewaschen werden“.
Oder dass er mir sagt „Du mußt nur dieses oder jenes tun, dann….“

Er lacht dann immer.
Sagt:“ Sei doch froh 🙂
Ich hab das am Anfang ausprobiert; dachte, es sei gut und wichtig. Aber Du hast mir etwas anderes bei gebracht. Und seit ich dich völlig in Ruhe lasse, geht es dir wesentlich besser. Und die Dinge werden vielleicht nicht „jetzt“ gemacht – aber früh genug. Du denkst schon von alleine dran. Bist ja eine kluge Frau.“

Auch darüber, dass er sich nicht vorstellen kann, dass ich überhaupt je arbeiten können werde.
Darüber, dass er das garnicht mehr will.
Darüber, dass es viel wichtiger sei, dass es mir gut geht.
Und es ihm nichts mehr ausmacht, dass nur er Geld verdient. Schließlich würde ich auch Zuhause genug zu tun haben. Und er hat gemerkt, dass ich derart sensibel reagiere, dass ich draußen in der Arbeitswelt verrecken würde – denn da gibt es nichts. Nichts, ohne Druck und Zwang.

Mein Mann kam gestern gegen 16h Heim.
Um 17.30h hatte ich dann Therapie.
Ich konnte mit dem Auto fahren.

Es war schön bei ihr.
Ich saß bis 17.45h erst mal dort und las.
Mehrmals wanderte sie zwischen Büro und Sprechzimmer hin und her; entschuldigte sich – es würde noch einen Moment dauern.
Dann kam ein junges, freundlich lächelndes, sanft aussehendes Mädchen heraus.
Sah mich neugierig an.

Meine Thera sagte anschließend, als wir begannen, dass Erstgespräche wohl nie ohne Überziehung klappen. Wir hängten dann die Zeit hinten an.

Ich war so voll von Dingen, die in den letzten 2 Wochen passiert sind, dass ich garnicht wußte, wo und wie anfangen. Alles würde ich ohnehin nicht gesagt bekommen. 50min. sind einfach zu kurz.

Sie war neugierig, wie es wohl für mich gewesen sei mit dem Vertrauen.
Und ich zeigte ihr eins der Bücher, das ich geschenkt bekommen hatte.
Und wie schön die Geschichten seien und wie gut sie täten.
Und dass es mir sehr gut damit ergangen war.

Sie freute sich mit mir und fragte direkt, ob sie sich das Buch mal aufschreiben dürfe. Und so hatte nicht nur ich Freude daran, sondern jetzt auch meine Therapeutin und später vielleicht auch andere Patienten.

Ich versuchte irgendwie alles unter zu bringen in der kurzen Zeit, aber letzten Endes drehte sich immer wieder alles um meinen Blog.
Wie er mir hilft zu lernen, Grenzen zu setzen.
Wie er mir hilft zu lernen, Menschen einzuschätzen.
Wie er mir hilft, meine Gefühle zu sortieren.
Wie er mir hilft, anderen vertrauen zu lernen.
Wie er mir hilft, Nähe zuzulassen.
Wie er mir hilft, auch Nein zu sagen.
Wie er mir hilft, mich selbst zu sehen, zu zeigen; mich anzunehmen und zu erkennen, dass auch andere mich annehmen können.


Sie sagte, sie hätte anfangs gedacht, es sei sehr wichtig für mich, unter reale Menschen zu gehen.
Die Isolation zu durchbrechen und real mutiger zu werden.
Es würde mir eher gut tun, ganz real mehr Menschen im Leben zu haben.

So nach und nach stellt sie fest, wie wichtig für mich noch der Schutz ist.
Wie schwer es für mich ist, vor die Türe zu gehen.
Wie viel Angst und Gefühle noch im Weg stehen.
Und wie wichtig es auch ist, dies anzuerkennen.

Sie sieht, wie intensiv ich meinen Blog nutze.
In wie vielen Bereichen er mir den Kontakt zu anderen ermöglicht.
Was ich hieraus mit nehme und gewinne.
Wie wichig dies für mich sei und wie heilsam.

Nein, sie liest nicht mit.
Ich hatte es ihr angeboten, aber sie sagt ganz offen, dass sie ihre wenige, private Zeit lieber in ihre Familie investiert. Sie könne das privat nicht leisten.
Inzwischen – wo ich ja selbst sehe, wie viel ich schreibe, kann ich anerkennen, was sie meint.

Als ich Heim kam, stand mein Mann in den Startlöchern.
Er traf sich mit seinem Kumpel zum essen.
Nach Wochen einmal wieder.
Freute sich sehr.
Wir wechselten noch ein paar Worte; Küsse – und er ging.

Ich hatte hier einen ruhigen Abend.
Sah Fern und spielte meine Spiele.
Gegen 22.40h kam er Heim und wir guckten noch gemeinsam Bülent.

Diese Nacht konnten wir auch wieder gemeinsam schlafen.
Es tut so gut.
Gemeinsam.

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8 Kommentare zu “Blog als Therapie

    • Ich denke, das wissen wir beide 😉
      Blog ist irgendwie beides.

      Reale Menschen und trotzdem Schutz.
      Alle Facetten frei machbar – und durch diese Anonymität doch „auf Entfernung“ und sicher. Beruhigend.

      Es tut gut, angenommen zu sein, wo man sich selbst vielleicht noch nicht annehmen kann.
      Mensch sein zu können, wo man noch kein so sicheres Gefühl dafür hat, ob dies wirklich Mensch-sein IST.
      Sein darf.

      Kennen lernen – sich selbst und andere.
      Und auch mögen lernen. Zulassen lernen 🙂

      Gefällt 3 Personen

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